Ach, wie kalt es es geworden? Eben noch war es Sommer und man suchte nach einem schattigen Plätzchen, schon vermag man ob der eisigen Kälte nicht mehr draußen verweilen. Doch dieses Schneetreiben ist zu schön um die Zeit in überheizten Räumen zu verbringen. Ich begab mich also nach draußen, auf die verschneiten Straßen Berlins. Das ist nicht ganz freiwillig geschehen, da die S-Bahnen wie jedes Jahr um diese Zeit nicht so fahren, wie sie sollten. Da ich es hasse, zu warten – das scheint untypisch für das mein Volk zu sein, das bei allem nach Ordnung strebt (vielleicht fühle ich mich hier deshalb nicht sonderlich heimisch) – und begab mich kurzerhand in das kalte Weiß. Gerade als ich die ersten Stufen des Ausgang der Station Brandenburger Tor betrat, begann ich zu zweifeln. Ein eiskalter Wind drohte mich von den glatten Stufen zu wehen. Doch erst einmal oben angekommen, bereute ich nichts. Wie beruhigend es doch ist, wenn all die bunten, unruhigen Flächen von dem einheitlichen Weiß bedeckt sind.
Bald hatte ich das Brandenburger Tor durchquert und befand mich auf dem Weg zum Reichstag. Fast hatte ich vergessen, was in den letzten Tagen und Wochen berichtet wurde. Der rote Stier trieb sein Unwesen in meinem Berlin. Doch er war weitaus gefährlicher als der rote Stier, der es auf die Einhörner abgesehen hatte. Denn dieser war unsichtbar. Nicht greifbar. Und dadurch noch bedrohlicher und übermachtiger. Ich rede von den Terrorwarnungen. Überall. In der U-Bahn, in der S-Bahn, in den Zeitungen, im Fernsehen. In den Mündern. In den Köpfen. Omnipräsent und unbesiegbar. Doch wie der rote Stier ist das die einzige Art der Angst, die sie entfachen können. Die Angst vor der Angst. Vor dem Ungewissen. Vor dem Risiko. Doch das Risiko, bei einem Terroranschlag zu sterben, ist weitaus geringer als das, bei einem Autounfall zu sterben. Oder vom Blitz erschlagen zu werden. Oder gar im Lotto zu gewinnen.